Rissbildungen im Putz (Innenputz und Außenputz)

Putzrisse gehören zur täglichen Praxis eines Bausachverständigen, weil

  • sie unvermeidbar sind, aber keiner sehen will

  • überall auftreten.

Eigentlich ist jedem bekannt, dass eine rissfreie Ausführung von Putzoberflächen bei den Baustellenbedingungen / Randbedingungen und den unterschiedlichen Bedingungen, denen der Putz ausgesetzt ist, nicht vermeidbar ist.


Zunächst einmal stellt sich für den Bausachverständigen die Frage, ob es sich hier um einen Mangel und wenn ja um einen technischen oder einen optischen Mangel handelt. Der optische Wert einer Putzoberfläche ist dann als beeinträchtigt anzusehen, wenn sich die Risse bei gebrauchsüblicher Betrachtung und Blickposition als störend abzeichnen und wenn die Putzoberfläche zugleich gestalterische Funktion wahr zu nehmen hat. Das soll heißen, dass man die Beeinträchtigung einer Putzfläche im Wohnzimmer anders zu bewerten hat als in einem Nebenraum.

Als generelles Kriterium für die Zulässigkeit von Rissen hat sich eine Rissweite von 0,2 mm bei den Sachverständigen eingeführt. Rissweiten unter 0,2 mm gelten allgemein nicht als Mangel. Als Ausnahme anzusehen ist, wenn sie bei einer Oberfläche, die hohe Anforderungen an die optische Qualität stellt, Risse gehäuft auftreten.


Unabhängig von der optischen Beeinträchtigung von Rissen stellt sich die die viel wichtigere Frage, welche Ursachen die Risse haben.

Gemäß WTA-Merkblatt 2-4, Ausgabe 08, 2008/D: „Beurteilung und Instandsetzung gerissener Putze an Fassaden“ sind folgende Rissursachen zu unterscheiden:


1. Putzgrund- / konstruktionsbedingte Risse

1.1 Rissursache aus der Konstruktion

1.2 Rissursache aus dem unmittelbaren Putzgrund


2. Putz- und ausführungsbedingte Risse

2.1 Sackrisse

2.2 Schwindrisse

2.3 Fettrisse


3. Risse mit sich überlagernden Ursachen

3.1 Kerbrisse

3.2 Fugenrisse


4. Risse in Verbindung mit …

4.1 Putzbewehrung

4.2 Putzträgern

4.3 Putzprofilen


Zur Beurteilung von Rissen sollte man soweit als möglich alle Informationen einholen, vergleichbar ist dieses Vorgehen mit der Anamnese bei einem Arztbesuch. Der Arzt versucht möglichst viele Informationen vom Patienten zu erhalten, um sich ein Bild von der Krankheit machen zu können, ohne den Patienten „aufschneiden“ zu müssen.


Folgende Informationen sollte man erhalten:

a) Zeitpunkt des Putzauftrages. Wie alt ist der Putz?

b) Genaue Materialzusammensetzung: Aus welchem Material und von welchem Hersteller stammt der Putz?

c) Wie waren die Rahmenbedingungen, unter denen der Putz aufgebracht wurde?

d) Wie waren die Witterungsbedingungen während und nach dem Auftrag des Putzes?

e) Was ist über den Putzgrund bekannt?

f) Zu welchem Zeitpunkt sind die Risse entstanden?

g) Was ist über die Chronologie der weiteren Rissentwicklung bekannt?

h) Liegen neben den Rissen Hohllagen vor?

i) Wo genau beginnen und wo enden die Risse?

j) Gibt es externe Einflüsse, die die Risse verursacht haben könnten (z.B. Überschwemmungen, Erdbeben,…)


1. Putzgrund- / konstruktionsbedingte Risse

Bei Putzgrund- und konstruktionsbedingten Rissen liegen sehr oft unterschiedlich weite Risse vor. Diese Risse entstehen meist erst nach einigen Monaten, können aber noch nach Jahren auftreten und auch nicht zur Ruhe kommen. Wenn im Untergrund, z.B. Mauerwerk nicht verfüllte Lagerfugen vorliegen, so kann sich längs dieser Lagerfugen immer wieder ein neues Rissbild ergeben, abhängig von der Bewegung und Auflast auf das Mauerwerk.


Belastungen aus dem Untergrund auf dem Putz können sein:

Hebungen und Senkungen, Durchbiegungen, z.B. von Decken, Volumenänderungen bei Feuchtigkeitszu- oder –abnahmen oder auch Kriechen und Schwinden sowie Temperaturbewegungen (z.B. von Fensterblechen).

Häufig finden sich derartige Risse beim Übergang zwischen zwei unterschiedlichen Baustoffen.

Sofern die Rissbewegungen nicht abgeschlossen sind, wären die Risse elastisch zu verschließen, alternativ kann eine flächige Abdeckung, z.B. mittels Trockenbauplatten oder Tapezierung in Innenräumen erfolgen.


2. Putz- und ausführungsbedingte Risse

Es handelt sich hier um Risse, die die Ursache in falscher Verarbeitung haben.

Die sogenannten „Sackrisse“ entstehen unmittelbar nach dem Putzauftrag im frischen Mörtel. Sie haben den Namen von Verlauf des Risses, der durchhängend ist.

Beim Trocknen des frischen Mörtels, auch im Frühstadium wie bei den Sackrissen, entstehen die Schrumpfrisse, die vorwiegend netzförmig verlaufen. Wenn die Schwindrisse im Unterputz entstehen und über eine geringe Rissweite verfügen, so stellt dies keinen Mangel dar, es sei denn, dass sich gleichzeitig Hohllagen ergeben und der Putz beginnt, sich abzulöst. Schwindrisse können auch noch im erhärteten Putz entstehen, in der Regel innerhalb eines halben Jahres. Sofern die Rissweiten beschränkt sind - unter 0,2 bis 0,3 mm - und die Haftung am Untergrund nicht vermindert ist, kann hier eine flächige Beschichtung den Mangel beseitigen.


3. Risse mit sich überlagernden Ursachen

Hierzu sind die typischen Kerbrisse an Sturzauflagern oder auf Höhe der Fensterbänke zu nennen. Die Kerbrisse entstehen aufgrund von Spannungskonzentration, deshalb sollte durch den Putzer an diesen Stellen mit Spannungsspitzen eine Diagonalbewehrung eingelegt werden.

Unter Fugenrissen versteht man Risse, die längs der Mauerwerksfugen verlaufen, sie haben ihre Ursachen in Mängeln der Mauerwerksverarbeitung.


4. Risse in Verbindung mit …

Risse in Verbindung mit Putzbewehrungen, Putzträgern und –profilen treten unbestimmt und meist ohne charakteristische Rissverläufe auf. In der Regel handelt es sich um Einzelrisse, die bedingt sind durch unterschiedliche Materialstärken bei den Profilen.


Risssanierung

Erst wenn man die Ursache der Rissbildung aufgrund des Erscheinungsbildes, der Untersuchungen sowie der Nachforschungen mit ziemlicher Sicherheit festgestellt hat, kann man Überlegungen zur Risssanierung anstellen. Maßgebendes Kriterium für die Instandsetzungsmethode ist die Frage, ob noch mit Rissbreitenänderungen zu rechnen ist oder ob die Risse mittlerweile ruhen. Es wird allgemein unterschieden zwischen der örtlich begrenzten Nachbesserung von Einzelrissen und großflächigen Nachbesserungen. Generell kann gesagt werden, dass je höher die Rissüberbrückungseigenschaften, sprich je elastischer die Instandsetzungsmethode ist, desto größer ist die Gewähr für eine zukünftige Rissefreiheit.

In dem WTA-Merkblatt 2-4, Ausgabe 08/2008 sind für Fassaden verschiedene Instandsetzungsmethoden aufgeführt.


Für den Nutzer oder Eigentümer stellt sich auch immer die Frage, in welchem Umfang die Instandsetzungen durchgeführt werden müssen. Behandelt man bei Einzelrissen nur den Rissverlauf, so wird sich dieser Riss danach noch stärker abzeichnen als vorher. Es wird deshalb immer wieder diskutiert, in welchem Umfang z.B. risssanierte Flächen behandelt werden müssen. Im Regelfall wird man Anstriche von Kante zu Kante ausführen müssen nach Behebung von Einzelrissen.



München, den 5.10.2009: Regierungsbaumeister, Dipl.-Bauing. Bernd Ehrmann